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London, Landmark Hotel. Ein exklusives Plätzchen unweit von Madame Tussauds. Hier kostet ein Zimmer ab 800 DM die Nacht, ein Ort also, in denen Plattenfirmen nur die Creme der Popstars übernachten lassen. Als ich das letzte Mal hier war, traf ich Liam Gallagher von Oasis, der es jedoch vorzog, MTV zu gucken, anstatt ein Interview zu führen. Und selbst Moby schlief hier im vergangenen Jahr, als die Preise noch niedriger und das Hotel gerade eröffnet war. Doch nachdem ihn eines Morgens ein Zimmermädchen mit fünf von seinen Freunden im Zimmer ertappte (die der New Yorker bei sich kostenlos untergebracht hatte), war es mit dem Luxus schnell vorbei, und Moby und Konsorten mussten in den folgenden Nächten mit einem Bed & Breakfast vorlieb nehmen. Doch nun war also Neneh Cherry an der Reihe, jene in Schweden geborene Sängerin, auf die sich selbst Musikliebhaber einigen können, die sonst mit Pop nur wenig am Hut haben. In ihrer geräumigen Suite unterhielt sich Neneh, deren neue Single "Woman" gerade veröffentlicht wurde, mit mir zwischen zwei menschlichen Bedürfnissen.

Während ich mir bei einem Glas Cola und der Lektüre einer Golf-Zeitschrift sowie der Financial Times die Zeit vertreibe, kommt Neneh Cherry barfuß ins Zimmer.

Oh, hallo. Bevor wir mit dem Interview anfangen, laß mich doch noch eben meine Zähne putzen. Ich denke, das wäre auch in deinem Interesse.

Eigentlich war ich nur hier, um mit Neneh Cherry zu sprechen. Ich konnte nicht ahnen, dass sie mich auch küssen wollte. Aber meinetwegen. Sollte sie sich doch ruhig ihre Zähne putzen. Schaden kann's ja nicht.

Hi, Neneh. Warst du schon mal im Internet?

Ja, irgendwer hat mir schon mal ein paar Sachen dort gezeigt, aber um ehrlich zu sein, habe ich von dem Zeug keinerlei Ahnung. Das ist schon peinlich, erst recht, weil meine ganze Familie bezüglich des Internets ziemlich fit ist. Meine Mutter, sie lebt übrigens in New York, ist sogar Web-Designerin. Sie gestaltet die Seiten für Firmen. Nur leider habe ich vergessen, wie ihre eigene Firma heißt. Aber Moment, ich kann sie ja mal eben anrufen.

Neneh Cherry versucht ,ihre Mutter anzurufen, muss aber mit dem Anrufbeantworter am anderen Ende vorlieb nehmen.

Na ja, vielleicht ruft sie ja zurück. Jedenfalls hat sie schon die Seiten des People Magazines gestaltet und hat eine Page für eine Band eingerichtet, die irgendetwas mit Jesus heißen.

Jesus Lizard?

Ja, das kann gut sein, aber ich bin mir wirklich nicht sicher.

Deine Mutter könnte doch auch eine Homepage für dich erstellen.

Daran habe ich auch schon gedacht. Ich denke, ich werde mich mit ihr mal diesbezüglich unterhalten.

Waren deine Eltern Hippies?

Nicht wirklich. Obwohl, vielleicht ein bißchen. Auf jeden Fall kamen zu uns immer ziemlich viele Hippies ins Haus, als ich klein war, aber ich habe da keine besonders guten Erinnerungen dran. Sie hatten ein ziemlich schlechtes Benehmen, tranken viel und kifften die ganze Zeit. Sie haben meine Mutter auch ziemlich ausgenutzt. Ich denke, viele Leute die heute Hippies genannt werden, waren gar keine richtigen Hippies. Auf jeden Fall vergaßen viele ihre Ideale und wurden ziemlich schnell ziemlich egoistisch.

Du hast schon in ziemlich vielen Ländern gewohnt. Aber eigentlich bist du Schwedin, oder?

Ja, meine Mutter ist Schwedin, und ich wurde in Schweden geboren. Mein Stiefvater Don Cherry (ein bekannter Jazz-Musiker) war Afro-Amerikaner, und mein Vater ist Afrikaner. Er lebt übrigens noch immer in Stockholm. Mit 16 bin ich dann nach New York gezogen und später dann nach London. Momentan lebe ich mit meinem Mann (Cameron Mc Vey, ehemaliger Manager von Portishead und Tricky) in Spanien.

Apropos Tricky. Stimmt es, dass ihr euch zerstritten habt? Er hat dich in einem Interview immerhin eine Pop-Diva genannt, die sich von ihrer Plattenfirma manipulieren lässt.

Unsere Auseinandersetzung geht zu der Zeit zurück, als ich gerade anfing, das neue Album aufzunehmen. Damals sollte Tricky die Songs produzieren. Mir gefiel das Ergebnis jedoch nicht. Es war einfach der falsche Ansatz. Ich bemerkte nach den ersten Aufnahmen, daß ich lieber mit Live-Musikern zusammenarbeiten wollte. Als er erfuhr, dass wir seine Arbeit nicht verwenden würden, war Tricky ziemlich angepisst. Aber er hat einfach nicht verstanden, daß ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Das hatte nichts mit der Plattenfirma zu tun. Aber auch wenn wir uns streiten, gehört Tricky zur Familie. Er ist ein ziemlich intensiver Typ, aber wir können über alles reden. Und schließlich haben wir ja auch noch einen Song gemeinsam gemacht, der sowohl auf meinem Album erscheinen wird, als auch auf seiner Nearly God-CD zu hören war.

Was war für dich der größte Unterschied zwischen dem neuen Album "Man", das im September erscheinen wird, und deinen bisherigen Platten?

Die letzten Alben waren mehr groove-lastig. Diesmal wurde stärker Gewicht auf die Songs, als auf die Sounds gelegt. Außerdem kann ich mich jetzt auch besser ausdrücken, als noch bei den ersten beiden Alben. Die Themen sind ironischer und weniger nett.

Was hältst du von Drum & Bass?

Das mag ich wirklich gerne. Alex Reece wird einen Remix von "Woman" machen, und vielleicht werde ich noch weiter etwas in dieser Richtung produzieren.

Wie sehen deine Pläne aus?

Ich werde im Sommer noch auf ein paar Festivals spielen. Das ist übrigens das erste Mal, dass ich mit einer richtigen Band unterwegs bin. Im Herbst kommt ja dann das neue Album und werde ich mal sehen, wie sich die Dinge entwickeln.

Nenehs Betreuer von der Plattenfirma kommt ins Zimmer und bricht das Interview ab. Der nächste Gesprächspartner, eine Kollegin der Allegra, wartet bereits. Zum Abschied reicht Neneh Cherry noch die Hand (kein Kuss :- ( ) und sagt:

So, jetzt muss ich aber erstmal aufs Klo.

by Heiko (Hot) Hoffmann. Published on wildpark.com in July 1996.